1975 hatten sich Toni und Gabi, die Schwester meiner Mutter, auf einem Golfturnier kennengelernt. Er fragte seinen Freund, wer die Blonde auf der Veranda da oben sei und ob man nicht für den nächsten Tag die Einteilung, wer mit wem spielt, ein bisschen beeinflussen könne. Die Golfrunde endete mit einem kleinen Extraausflug mit dem Golfwagen und meine Tante sollte erst später erfahren, dass dieser Tiroler eine Berühmtheit war. Florian kam auf die Welt, und da meine Mutter und Gabi sich sehr nahe standen, entwickelte sich Kitzbühel für mich zur 2. Heimat.
Auch Jahre später, als wir jeden Urlaub bei Onkel und Tante in Kitzbühel verbrachten, kam Toni immer mit einem fröhlich gerufenen: "HALLO!!!" nach Hause. Für mich war das Paar schon als Kind die Verkörperung der Hoffnung, dass es die richtige, dauerhafte Liebe gibt.
Dies ist aber nicht meine einzige Erinnerung an Kitzbühel. Es war eine wunderbare Zeit mit der Familie, meinen Eltern und 2 Brüdern, meinem Cousin Florian, Onkel und Tante. Urlaube in Kitzbühel waren lange Wanderungen und Bergbesteigungen in einer großen Familie, Sommertage am See mit der abendlichen Forstmeile, einem Trimm-Dich-Pfad und im Winter Skifahren bei den Roten Teufeln, dem Kitzbühler Skiclub, erst als Schülerin, später als Skilehrerin. Und dann die Tage im Haus, das immer voller Leben war, viele interessante Leute aus aller Welt, von Heinrich Harrer, der uns Kindern Geschichten erzählte, über Sportler, Freunde und ab und an die Presse. Für uns Kinder viel zu lernen, für mich der Einblick in die große Welt des Sports, von der ich schon als 5-Jährige geträumt habe.
Skirennen im Fernsehen mit Toni als Kommentator, er konnte die kleinsten Fehler erkennen und auf die 1/100 Sekunde sagen, wie jemand gefahren war und wo er/sie die Zeit verloren hatte. Hier habe ich gelernt, wie komplex sportliche Höchstleistung ist und wie wichtig der Blick aufs Detail. Dann die Abende am runden Tisch mit Blick auf den Kaiser (Kaisergebirge), Tonis Lieblingsberg. Er hat erzählt, gewitzelt, wir haben so viel gelacht und viel gelernt aus seiner Sportler-Karriere, von anderen Ländern, über das Leben.
Es gibt viele Geschichten, die ich bis heute noch weiß und ein paar, die mich wirklich fasziniert haben. Zum Beispiel, dass Skifahrer zu der Zeit im Sommer nicht trainierten. Toni dagegen hat erkannt, dass Kraft, Ausdauer und Koordination auch im Sommer trainiert werden sollten, was die Leistung beim Skifahren im Winter positiv beeinflusste. Deshalb schlich er sich morgens um 5 Uhr aus dem Elternhaus, um den Hahnenkamm hochzurennen, sich dann heimlich im Schuppen umzuziehen und um 7 Uhr in der Spenglerei des Vaters mit der Arbeit anzufangen. Einmal sah er beim morgendlichen Lauf einen anderen Fahrer des Kitzbühler Ski-Wunderteams von weitem, erschrocken, beim Sommertraining "erwischt" worden zu sein, drehten sich beide schnell um und liefen in entgegengesetzten Richtungen davon.
Eine andere Geschichte war die mit dem üblichen Schnitzel kurz vor wichtigen Rennen. Es sollte dem Fahrer Kraft geben. Toni wunderte sich ein paar Mal, warum bei solchen Rennen oft nach 30-40sec die Kraft in den Beinen fehlte und wurde dann schräg angeschaut, als er begann, das Schnitzel abzulehnen. Oder dass die Mannschaft ihn vor seinem größten Rennen, dem Olympischen Abfahrtslauf, im Hotel vergaß, denn er hatte verschlafen und dann noch kurz vor dem Start der Riemen an der Bindung riss, ist auch eine solche Geschichte. Daran mußte ich auch denken, als auch ich vor einem meiner großen Siege verschlafen hatte, wenn meine Mutter nicht auf dem Hotelzimmer angerufen hätte, weil ich nicht zum Frühstück erschienen war, hätte ich den Bus zum Start verpasst. Am Abend vorher hatte ich ein Loch in meinem Neopren gebrannt, den ich zum Trocknen über eine Lampe gehängt hatte....Fasziniert hat mich auch die Tatsache, dass Toni am Abend vor dem Schlafengehen die Rennen im Kopf fuhr und - er konnte das sehr lustig erzählen- : "Ich war immer ein kleines bisschen vor meinem Zimmerkollegen fertig." Das geht bei Ironman-Rennen weniger gut, aber die Konzentrationsfähigkeit, die man benötigt, ist die gleiche.
Gabi und Toni erfüllten mir 1998 meinen Traum und ermöglichten mir zusammen mit meinem neuen Sponsor MLP die Weltmeisterschaftsteilnahme auf Hawaii. Toni war für mich nicht nur sportliches Vorbild, sondern auch menschliches. Er war zu jedem nett und freundlich, hat sich trotz seiner Berühmtheit und Erfolges nie für etwas Besonderes gehalten und Menschen nie an Erfolg oder Reichtum gemessen.
Gabi starb zu früh im Jahr 2000, danach hat sich Einiges verändert: Toni heiratete wieder. Florian arbeitet in Bratislava. Vor einem Jahr war ich zuletzt dort und fand Toni frisch entlassen aus dem Krankenhaus und trotz Krebs mit so viel Lebensfreude und Optimismus und wie immer, der humorvolle, fröhliche Mensch und Gastgeber. Nach dem Tod meiner Mutter im Januar diesen Jahres rief er mich an, das war das letzte Mal, dass wir sprachen und wie immer fand er die richtigen Worte: Dass eine Mutter niemand ersetzen könne und es eine sehr schwere Zeit sei - auch für ihn war, als seine Mutter starb - aber dass das Leben weitergehe und ich trauern solle und dann weiterleben, denn so hätten sie es gewollt. Er meinte wohl seine und meine Mutter.
Ich werde Dich vermissen, Toni, Du hast mir persönlich sehr viel für meinen Lebensweg mitgegeben und ich weiß, vielen, vielen anderen Menschen auch. Du hast sehr positive Spuren hinterlassen auf dieser Erde. Auf unserer Mountainbike-Tour am nächsten Tag durch die Kitzbühler Alpen mit Flo haben wir alle an Dich gedacht. Ich weiß, Du hast Dich gefreut, falls Du uns so zusammen und mit guten Freunden beim Sport in den Bergen sehen konntest. Ich werde sicher wieder öfter in Kitzbühel sein und hoffe, meine Kinder werden dann irgendwann auch so schöne Erlebnisse habe und so viel lernen wie ich damals. Ich werde trauern, aber auch dankbar sein Dich gekannt zu haben....
Katja