Der Traum Von Olympia
Triathlon-Impressionen von Katja Schumacher
Es ist halb sieben Uhr morgends, und noch stockdunkel draussen, der Wecker piepst erbarmungslos. Ich kann nicht glauben,dass ich jetzt schon aus den Federn muss. Erstmal das Licht finden - Verdammt- wo ist denn der Schalter schon wieder. Dann Ruhepuls messen, der ist schonwieder viel zu hoch, kein Wunder bei diesem unsanften Wecken.
Das Pulsmessen ist Pflicht hier in Trainingslager der DTU (deutschen Triathlon Union Nationalmannschaft). Mir tut noch so ziemlich alles weh nach dem Training gestern und heute morgen ist hartes Schwimmtraining angesetzt. "Shit, das wird hart! --OK!-- Es wird schon gehen-eine positive Einstellung ist alles." Schnell eine Tasse Tee, und dann rueber zum Pool, um 7 Uhr sind wir alle im Wasser. Das Team besteht aus 7 Frauen und 9 Maennern, zusammen geht alles einfacher, und nach den ersten 1000m faengt das Training auch an Spass zu machen.Das ist der Anfang eines Trainingstages im Februar 2000 auf Mallorca, heute stehen noch 120km Radfahren und ein 15km Lauf auf dem Programm.
Im September diesen Jahres finden die Olympischen Spiele in Sydney statt und unser Sport Triathlon ist zum ersten Mal dabei. Mir persoenlich bedeuten die Olympischen Spiele sehr viel, es ist das groesste Sportereignis der Geschichte. Die besten Sportler aus aller Welt kommen zusammen um Hoechstleistungen zu bringen. Ich habe vor 10 Jahren mit dem Triathlonsport angefangen und haette nie gedacht, dass ich einmal die Chance haben koennte bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Davon getraumt habe ich schon als Kind. Damals war ich wohl so ca. 12 Jahre alt, beim Schwimmen in dem kleinen Schwimmbad unserer Nachbarn habe ich davon getraumt eine grosse Sportlerin zu werden und einmal mit bei der Eroeffnungsfeier der Olympischen Spiele ins Stadion einzulaufen. 1998 hatte ich den Ironman in Roth gewonnen, danach habe ich mich immer oefter gefragt, ob ob ich nicht auch eine Chance auf der Kurzdistanz, die olympisch werden sollte, haben koennte. Die Entscheidung, es zu versuchen ist aus meiner Einstellung zum Leben und zum Sport heraus gefallen: "Wenn Du etws erreichen willst, musst Du es probieren, und wenn Du alles gibst wirst Du am Schluss auch zufrieden sein." Ein Risiko musste ich eingehen, sowohl finanziell als auch sportlich, aber ich habe das noch nie berreut, und auch jetzt noch bereue ich nichts.
Ich konnte nicht wissen wie es ausgeht, aber ich wusste dies ist meine eine und wahrscheinlich einzige Chance bei den Spielen dabeizusein, und ich wusste ich wollte es probieren, mit allen Konsequenzen wuerde ich alles tun, um den Traum wahrwerden zu lassen. Im Winter 1998 begann die Vorbereitung. Da ich nicht, wie viele Triathleten vom Leistungschwimmen komme und das schnelle Schwimmen die Vorrausetzung fuer den Erfolg bei Kurzstreckenrennen des neuen Formats (mit Drafting) ist, heißt es fuer mich, hart zu trainieren, um hier den Anschluss an das hohe Niveau im Weltcup zu schaffen.
Da ich 1998 auch in keinem Kader war, das heisst keinerlei Unterstuetzung weder finanziell, noch durch Trainer genoß, musste ich alles selbst organisieren. Erstmal habe ich mein Schwimmtraining verdoppelt, dann einen Trainer gefunden, der bis vor einem Jahr selbst erfolgreicher 1500m Schwimmer war (9.Platz bei den Olympischen Spielen in Barcelona). Piotr hat mein Training intensiviert und nochmal verdoppelt. Mit Harald, der mich schon voher in meinem "Ironmantraining" beraten hatte, habe ich Rad- und Lauftraining zusammengestellt. Nach zwei Jahren hartem Training und vielen Rennen habe ich die erste Huerde geschafft und im April 2000 bin ich in Sydney fuer einen der beiden Qualifikationsrennen fuer die Olympischen Spiele 2000.
Das Rennen findet auf den Orginalstrecken des ersten olympischen Triathlons statt. Die Spannung ist extrem hoch. Nicht nur fuer und Deutsche zaehlt dieses Rennen, auch viele anderen Nationen haben es als Olympiaqualifikation ausgeschrieben. Jeder Sportler ist hier in Topform. Wir haben uns seit Januar in verschiedenen Trainingslagern auf diese Pruefung vorbereitet. Jeder ist nervoes und vorbereitet sein Bestes zu geben. Am Donnerstag vor dem Rennen laufen Joelle Franzman und ich am Opernhaus vorbei auf die Rennstrecke. Es ist sechs Uhr abends, wir wollen uns noch ein Bischen bewegen und die Strecke besichtigen. Als wir zuruecklaufen gehen die Lichter an. Die Oper, die Skyline, die Bote im Hafen von Sydney. Ein Bild wie wir es aus dem Fernsehen kennen. Es ist beeindruckend und wir sind mittendrin. "Der erste Schritt ist geschafft, wir sind in Sydney fuer die Olympic Trials" Ich sage zu Joelle:"Jetzt hier zu sein, war es schon alles wert!" Sie stimmt mir zu.
Aber vielleicht haette ich das nie sagen sollen! 2 Tage vor dem grossen Rennen gehen wir zum Radfahren auf die Rennstrecke. Es ist kein richtiges Training mehr, denn es ist wichtig am Sonntag ausgeruht an den Start zu gehen. Aber etwas Bewegung tut gut und hilft die Nervositaet abzubauen.Ausserdem ist es auch sehr wichtig, den Kurs genau zu kennen. Die Rennstrecken sind mitten in Sydney, das Schwimmen im Hafenbecken vor der Oper, dann die Radstrecke durch die Strassen Sydneys und der Lauf durch den Park entlang der Hafenpromenade. 2Tage vor dem Rennen ist noch nichts fuer den Verkehr gesperrt. Wir sind in einer 4er Gruppe mit Ralf und Andreas unterwegs, noch viele andere Triathleten, einige in Gruppen und einige alleine, sindzu einem letzten Training auf dem Rad. Nach 3Runden entscheiden die Jungs, schon zurueck zum Hotel zu fahren, Joelle und ich wollten noch eine Runde mehr fahren. Ich verabschiede mich noch und fahre dann, um wieder zu Joelle aufzuschliessen, die weitergefahren ist. Ploetzlich spuere ich einen Schlag es schleudert mich durch die Luft, keine Ahnung was passiert ist und wo mein Rad ist, als ich auf der Strasse aufschlage.
Der Fahrer eines parkendes Autos hat die Tuer direkt vor mir aufgerissen, sodass ich mit ca.35km/h in diese Autotuer gefahren bin. In dem Moment als ich auf der Strasse liege spuere ich keinen Schmerz, ich spuere garnichts, ich denke:" Uebermorgen ist das Rennen! Bin ich verletzt? Werde ich starten koennen? Fals ich starten kann, wird dieser Sturz meine Leistung beeintraechtigen?" 1000 Fragen schiessen mir durch den Kopf, als der Fahrer sich ueber mich beugt. Aber ich kann mich nicht bewegen, erst als ich Joelles Stimme hoere:"Katja bist Du OK?" nehme ich meine Umgebung wieder war. Ja ich kann mich bewegen auch aufstehen, mein Rad lieget etwa 5m weiter auf der Strasse, es scheint OK.
Schmerzen spuere ich immernoch keine und alle Knochen scheinen in Ordnung, zumindest kann ich alles bewegen. In meiner linken Ellenbeuge bildet sich ein Bluterguss, ich kann sehen wie es blauer und blauer wird."Aber ich kann den Arm bewegen und weh tut es auch nicht. Also werde ich starten koennen"denke ich. "Am besten Du gehst gleich wieder aufs Rad und faehrst weiter,so ent wickelst Du keine Angst" meint Joelle. Ich versuchs, aber schon nach dem ersten Schritt in Richtung meines Fahrads merke ich,dass es nicht geht. Da ist ein stechender Schmerz in der Wade. Anja und ein paar andere fahren vorbei und erkundigen sich, ob ich OK bin."Ja-geht schon". Aber Radeln geht nicht mehr. An die kommenden 1 1/2 Tage nach dem Unfall erinnere ich mich nur noch schemenhaft. Doktoren und Klininkbesuche und ein staendiges Hin und Her zwischen:"Es ist nicht so schlimm. Du kannst starten." und "Du darfst auf keinen Fall starten, sonst koenntest Du Dich dauerhaft schaedigen und Leistung zu bringen ist sowieso unmoeglich mi dieser Verletzung".
Am Schluss wurde mit Kernspinnaufnahmen ein 50%iger Abriss des Bizepsmuskels im rechten Arm diagnostiziert, was bedeutete dass der Traum von einer Olympiateilnahme vorbei war, ich wuerde weder in Sydney noch beim 2. Qualifikationsrennen in Perth starten koennen. Statt dessen musste der Arm fuer mind. 4Wochen in eine Schiene und erst nach 8Wochen sollte ich wieder in der Lage sein zu trainieren. Das war ein Schock fuer mich: All das Training der letzten 2 Jahre sollte umsonst gewesen sein, all die Hoffnungen und Traume in einer 10tel Sekunde zerstoert. Trotzdem werde ich mit dem Sport nicht aufhoeren das weiss ich genau, das wusste ich sofort.
Die naechsten 2Tage in Sydney verbringe ich viel Zeit mit Judit, unserer Physiotherapeutin, auch als mich meine Trainingskameraden in den Arm nehmen spuere ich, dass ich zwar das Ziel der Olympiateilnahme aufgeben muss, aber die Zeit der Vorbereitung nicht umsonst war. Ich habe neue Freunde gefunden und gute Erfahrungen gemacht, viel gelernt und wir haben eine intensive Zeit zusammen verbracht. Am Sonntag werden die anderen an der Startlinie stehen und versuchen, alles auf einen Punkt zu bringen, auf das wir alle solange hingearbeitet haben. Ich bin gemeinsam mit den Trainern und Judit am Hafen, wir wuenschen allen noch schnell viel Glueck vor dem Start, ich bin glaube ich genauso nervoes wie Joelle, Anja und Ute, die Minuten spaeter mit 46 anderen Frauen an der Startlinie stehen. Mein Puls war waehrend des ganzen Rennens wohl nicht einen Schlag niedriger als der der Teilnehmer. Dann kommen die Traenen doch, der Startschuss ist gefallen und irgendwie fuehle ich mich ausgeschlossen. Joelle hat einen super Tag und steigt als erste vom Rad, wir freuen uns so, und rennen zwischen den Punkten hin und her, an denen wir sie auf der Laufstrecke sehen und anfeuern koennen. Mein Arm ist vergessen und einmal erwische ich mich, wie ich den Arm aus der Schlinge genommen habe um schneller von einem zum naechsten Punkt rennen zu koennen, Schmerzen spuere ich wieder keine mehr. Joelle, Andreas und Stefan qualifizieren sich bei diesem Rennen fuer die Olympischen Spiele 2000, eine super Leistung und wir freuen uns alle riesig.
Es ist unglaublich, wie durch Aufregung, Enthusiasmus, Freude oder Leid koerperliche Schmerzen nicht wahrgenommen werden. Gefuehle wie nach diesem Rennen hatte ich noch nie in meinem Leben und werde ich wohl auch (hoffentlich) nie wieder haben. Ich freue mich riesig fuer die die es geschafft haben, in der nachsten Sekunde kommen Traenen und ich will alleine sein - es ist hart, nicht einmal die Chance bekommen zu haben. 2 Wochen nach dem Unfall habe ich Abstand gefunden. Ich habe sofort als ich von Australien nach Hause gekommen bin mit Physiotherapie angefangen, und taeglich 2-3 Stunden im Kraftraum verbracht. Mit der Schiene konnte ich sogar auf der Rolle radfahren, und mit dem Arm in der Schlinge auch laufen. Nach 6Wochen konnte ich wieder bei der Top 4 Tour starten, zwar mit Trainingsrueckstand, aber ich bin froh, ueberhaupt schon wieder bei Rennen starten zu koennen.
Ich habe neue Ziele, werde beim Ironman in der Schweiz und spaeter in Hawaii am Start sein, auch an einigen Rennen des Europacups werde ich teilnehmen, denn irgendwie ist mir in der letzten Zeit auch die Kurzdistanz mit ihrem neuen Modus ans Herz gewachsen: es sind sehr intensive, schnelle Rennen. Meine Freunde und neue Ziele haben mir geholfen alles zu akzeptieren, denn ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um bei den Olympischen Spielen dabei zu sein, aber aus welchen Gruenden auch immer hat es nicht sein sollen. Die letzten 2Jahre waren keine "verlorene Zeit", ich schaue auf die lange Vorbereitung und den Aufenthalt in Australien mit positiven Gefuehlen zurueck.
Dank an meine Freunde und Trainingskameraden, Trainer und Judit und ich Wuensche Euch alles Gute und Erfolg in Sydney. Ich Werde euch am Fernseher ganz fest die Daumen halten.
Katja
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